Der wunderbare 10te Transgeniale CSD Berlin und die boshafte Polizei

Ein Bericht

Der Transgeniale CSD (TCSD) Berlin bleibt eine wundersame Blüte und politische Provokation zugleich; als rosa Stachel im Gesäß des mittlerweile, etablierten, kommerziellen und verblödeten CSD.

Klein aber gemein machte sich vom „Kosmos“ in Berlin Friedrichshain der 10te Transgeniale CSD Richtung Kreuzberg auf den Weg. Zuvor aber wurde unter anderem der Anlass des Ortes des TCSD´s mit Redebeiträgen gewürdigt, denn an dem Auftaktort der Demo wurden vor einem halben Jahr einige Menschen von Schwulenhassern verprügelt. Auf der Flucht vor der Überzahl prügelnder Jungmänner wurden die Freunde von der Polizei überfallen und gegen sie Anzeige wegen Körperverletzung erhoben. Die alarmierten Sanitäter waren nicht in der Lage, die Verletzungen unserer Freunde wie Gehirnerschütterungen und einen Mittelhandknochenbruch zu erkennen und zu behandeln. Statt die homophoben Angreifer einzukassieren, wurden die Freunde in die Gefangenensammelstelle verfrachtet und erkennungsdienstlich behandelt.

Als wolle die Polizei daran anknüpfen, versuchte die 23te Einsatzhundertschaft (EHu) mehrfach, TeilnehmerInnen des TSCD körperlich anzugreifen und kassierte im Verlaufe der Demo und Kundgebung zwei Menschen kurzzeitig zur Peronalienfeststellung ein. Diese Einheit gehört den in Berlin unbeliebten Polizeieinheiten, deren Handeln politisch motiviert ist. Ihre Kollegen, die 25teEHu, die bei der Entstehung des damaligen Transgenialen CSD einige schwere Schlappen einstecken musste, wurde ja angeblich aus Heiligendamm abgezogen, weil sie einfach zu Scheiße war. Die Moderation am Kosmos beschrieb genüsslich, wie vor 10 Jahren der durch den CSD-Betreiber am Kudamm ausgeschlossene legendäre Rattenwagen konsequent und militant durch Schwule, Lesben und Transgender gegen die Polizei geschützt, verteidigt und befreit werden konnte. Hilflos, ohne eine Festnahme, mussten die Beamten zusehen, daß die so dumm und harmlos geglaubten Lesben und Schwulen ihren Wagen in Sicherheit brachten und zu 200-300 Leuten umringten und nach Kreuzberg brachten. Die Geburtstunde des TCSD.

Stay queer and rebel!

Der wunderbare 10te Transgeniale CSD Berlin und die boshafte Polizei – der ganze Bericht:

Wir waren mit unserer Demo auf der Karl-Murx-Allee noch nicht weit gekommen, da setzten die Bullen bereits ein Fahrzeug fest und nahmen eine Person in Bullengewahrsam, weil sie keine Papiere dabei hatte. Die Person wurde auf den Boden geworfen, Handschellen angelegt und in ein Polizeifahrzeug verbracht. Dort wurde sie nochmals durch einen Beamten einmal ins Gesicht geschlagen.
Für uns war klar: jeder Angriff auf eine Person ist ein Angriff auf die ganze Demo und so blieb die Wanne (Polizeitransporter) in Gewahrsam der DemoteilnehmerInnen bis die Person nach einer Stunde ungefähr wieder rauskam und der Demozug durchnässt, aber guter Dinge weiterzog (Hier gäbe es unsererseits auch einige selbstkritische Anmerkungen zu machen, doch ohne vorherige Diskussion in der Orgagruppe verkneift sich dieser Beitrag eine Kritik an dem Charakter einiger Durchsagen am unmittelbaren Ort des Geschehens).

Die Person bedankt sich recht herzlich bei allen TeilnehmerInnen, die den Wagen an einer möglichen Abfahrt hinderten.

Nach dieser Erfahrung mit der Geschlossenheit der Demo zog es die beleidigte 23te vor, die weiteren Personalienfeststellungen einem Kidnapping gleich zu gestalten und mit ihren Wannen schnell außer Reichweite möglicher Solidarisierungsprozesse und Befreiungsversuche zu kommen. Dazu gleich mehr.

Das Wetter wurde wieder schön und am „Schwarzen Kanal“ wurden einige Beiträge zur Bedrohung der Wagenburg selbst und des in der Nähe liegenden Kultur-Kampf-und-Wohnprojektes „KÖPI“ und dem Investorenterror entlang der Spree gehalten. „Medaispree“ wurde einmal mehr als Projekt der Vertreibung und der Mächtigen denunziert. Von einem leerstehenden Gebäude wurde ein riesiges Transparent zum Erhalt der Wagenburg entrollt und eine Liveperformance auf dem Dach warb für die queere Rebellion.

Die Bullen waren sich nicht zu blöd, eine Person abzugreifen, der sie Vermummung vorwarfen und brachten sich mit der abgegriffenen Person vor unserer Wut in Sicherheit. Der Vorwurf: Sie hätte sich mit einem BeHa (BH) vor dem Gesicht vermummt. Vor soviel Dummheit, gepaart mit Humorlosigkeit und Bösartigkeit, zieht selbst die Schutzheilige des TCSD ihre Perücke und versprach uns, die Einheit mit der Rosa Hölle zu bestrafen.

Die Person wurde nach Feststellung der Personalien freigelassen und musste sich einen Ersatz für den beschlagnahmten „hautfarbenen Büstenhalter“ besorgen.

Mittlerweile wuchs der Zug auf 800-1000 Menschen und erreichte Kreuzberg. Ein kleines Blöckchen ( in der Form ganz neu ) von Lesben mit Kinderwagen (in dem auch viele echte Kinder waren) reihte sich direkt hinter dem „Schwarzen Block“ ein. Der kam schon in Friedrichhain dazu und wurde von dem Freundeskreis der homosexuellen Ratten und Rättinnen gezogen. Bei seiner Ankunft beäugten die Beamten kritisch das große Gestell in Schwarz, was aber weder furzte, stank noch knallte. Also durfte es teilnehmen. Der diesjährige TSCD wurde also vom legendären Schwarzen Block angeführt, unter dem Motto „Ob tunt, ob bunt, wir sind alle 129a.“

Damit wurde sich auf die durchsuchten Wohnungen und die plumpen Spaltungsversuche während des G8-Gipfels gegen militante Aktionen bezogen.

Am Waldemarkiez gingen die Fenster entweder auf, und Frauen mit Kopftuch klatschten Beifall, oder aber zu, als ein in türkisch gehaltener Beitrag die Homophobie im Kiez benannte. Zur militanten Gegenwehr wurde ermuntert, da wir mit einem Anspruch auf ein Leben ohne Herrschaft schon selber unsere Interessen vertreten müssen und dies auf keinen Fall der Polizei überlassen können, gegen Homophobie einzuschreiten. Der jüngste Vorfall am „Kosmos“ machte das noch mal deutlich.

Ein Theaterprojekt mit 40 Jugendlichen aus Argentinien, Italien, Deutschland und Brasilien führte am O-Platz ein Stück gegen Homophobie auf. Solidarisierung und Menschlichkeit waren die Schlüsselbilder, die Ausgrenzungen zu durchbrechen in der Lage sind.

Und dann kamen wir an. Auf den Heinrichplatz. Und wieder eine Personalienfeststellung durch Beamte wegen angeblicher Behinderung beim Abfilmen von DemonstrationsteilnehmerInnen. Zuvor wurde die DemoteilnehmerIn bereits von Beamten unsanft geschupst.

Und dann: Bühnenshow und Redebeiträge. Und Redebeiträge und Bühnenshow. Und so weiter. Viel Trash. Viel Altbekanntes. Immer wieder schön. Auf jeden Fall für alle was dabei. Vielleicht mal wieder zu viele Redebeiträge. Vielleicht erschien es nur so, weil oft wurden sie zweisprachig gehalten. Das ist der Ausdruck des TSCD´s, der sich von Schwul-Lesbisch-Links über die Jahre zu Trans, SM und Queer erweitert hat und viele englischsprechende Menschen aus vielen Teilen der Erde anzuziehen beginnt. Bis 23.00 Uhr tobte die Bühne und tobte es vor der Bühne.

In all diesem Treiben wollte die 23te aber einfach das letzte Wort behalten, bevor sie ins Bett mußte und kontrollierte zwar in Uniform, aber in ihrer Absicht nicht erkennbar die O-Straße zwischen Adalbertstraße und Heinrichplatz, um, wie sich dann herausstellte, eine der vielen Moderatösen des Tages abzugreifen. Sie lungerten in Hauseingängen herum und gaben immer durch, wo die vermeintliche Moderation sich gerade hinbewegte. Am Ende der Straße – noch mitten im Straßenfest – wurde die Person von allen Seiten eingekreist. Wir wissen nicht, ob dies ein Einschüchterungsversuch, Rache für eine provokante und politisch offensive Moderation sein sollte, oder ob die Einheit was falsches ins Kraftfutter gemischt bekam. Auf jeden Fall wurde das Muster der „Personalienkontrolle“ wiederholt. Blitzschnell in die Wanne verfrachten, noch bevor sich eine Solidarisierung herstellen konnte, wurde die Person ein paar Blöcke weiter durchsucht und nix gefunden und dann fotografiert. Wieder der Vorwurf der Vermummung. Nach dem Übergriff musste auch diese Person wieder freigelassen werden.

Der TCSD war ein politischer Erfolg. Nicht so groß wie im letzten Jahr, aber ein besonderes Ereignis allemal. Politische Positionierungen unterschiedlichster Art. Keine Parteien, Nationalfahnen und Kommerz. Queere, schwule, lesbische, transsexuelle Kultur kommen in einer sehr schönen kosmopolitischen Mischung zusammen. Solange es Armut, Krieg, TransHomophobie und Frauenfeindlichkeit gibt und die Mitteyuppies und Medaispreeinvestoren, die glauben, den Kiez kaufen zu können, gehört ein TCSD zum alljährlichen Ereignis dazu.

Die Übergriffe seitens der Bullen sind in der Geschichte des TCSD einmalig. Die Gewalttätigkeiten beschränkten sich nicht auf die beschriebenen Ereignisse. Einer Frau wurde mit einem Protector-Handschuh zweimal, ohne jeden Grund und Zusammenhang, im Vorbeigehen ins Gesicht geschlagen. Ihre Anzeige hatte eine Gegenanzeige des Bullen zur Folge wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt. Eine Tunte mit Fahne wurde mehrfach ohne jede plausible Begründung vom Mittelstreifen einer Straße geschubst. (Gibt es Fotos der Polizisten?).

Bullen

Der Angriff auf die Moderation gegen Ende der Veranstaltung, die möglichst niemand mehr mitkriegen sollte (denn beschlossen war diese Aktion bereits gegen frühen Abend), war politisch motiviert und meinte die ganze Demo und Kundgebung. Der politische Wille und der Hunger nach einem anderen Leben und einer anderen Gesellschaft (jenseits all der Missstände, die uns weltweit umgeben) und der radikale Wille, dafür auch was zu tun, hat die Bullen angepisst.

In bisher uns unbekannter Weise hat sich die Polizei ständig fingerzeigend auf TeilnehmerInnen lustig und verächtlich gemacht. Ein derartiges penetrantes diskriminierendes Verhalten auf dem CSD ist uns neu gewesen. Die Polizei war in unerträglicherweise homophob und völlig fehl am Platz am Kampftage von Lesben,Schwulen, Queers und Transgender.

Jeder Angriff hat uns alle gemeint.

Wir sollten eine Vermummungsdemo mit dem aberwitzigsten Zeug anregen und, daß die O-Strasse beim TCSD künftig von Bullen radikal freigehalten wird. Welche Informationen gibt es zur 23ten EHu? Wollen wir wirklich erst bis zum nächsten Jahr warten, um uns wiederzusehen?

Dieser Beitrag gibt nur eine von vielen Sichtweisen wieder. Ergänze diesen Beitrag gerne.
Ihre Sternchensinger

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1 Antwort auf “Der wunderbare 10te Transgeniale CSD Berlin und die boshafte Polizei”


  1. 1 Ostprinzessin 03. Juli 2007 um 20:17 Uhr

    Die Bullizei: Sie beobachtet uns. Sie legt uns Steine vor´s Queeromobil, wo es nur geht. Sie geht gegen Überschreitungen und Ausschreitungen vor. Aber sie kämpft in einem asymmetrischen Krieg: Hier die queerdemokratische Basisstruktur, dort die hierarschische Befehlsstruktur. Hinter letzterer stehen: Die Regierenden.

    Die Regierenden also beehren uns mit ihrer hochheiligen Aufmerksamkeit. Auf jene können wir zwar traditionell gern verzichten, aber vielleicht haben die lieben Regierenden ja doch auch noch ein paar mehr Gründe, uns nicht aus dem Auge lassen zu wollen. Haben sie? – Ja, haben sie. Sie werden wohl ahnen, dass auf (Repressions-) Dauer ihre Drohkulissen allein nicht wirksam sein werden, also müssen sie üben; Üben für den Ernstfall, für den Fall nämlich, dass unsere queerrevolutionäre Parade eines Jahres spontan einen Abzweig nehmen wird – direkt hin zu ihren schicken Schreibtischen.

    Oder habe ich mich geirrt? Wollen wir weniger?

    Live queer and rebel. Diesen Gefallen sollten wir uns tun.
    Und ihnen auch.
    Allen.

    Queere Grüße,
    Ostprinzessin

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